Solo für einen Kuss
von Olaf Piecho
Der Schlussakkord schwebte wie eine schillernde Seifenblase, balancierte für einen Moment auf der Spitze des Taktstocks, sank schließlich mit ihm herab und zerplatzte im müden Beifall des Publikums. Dann: fünfzehn Minuten Pause.
Daniel legte die Drumsticks ab, nickte den anderen zu und hopste von der Bühne. Er hatte eine Öffnung entdeckt, aus der er unbemerkt hinter das Festzelt verschwinden konnte. Hier war er allein. Hier konnte er endlich rauchen, ohne dass ständig jemand erstaunt in Ohnmacht fallen würde:
„Du rauchst? Kaum trocken hinter den Ohren und schon die Luft verpesten! Wie alt bist du jetzt eigentlich?“ Die letzte, die das gefragt hatte war die dicke Magda. So nannte er die Metzgerin des Dorfes, die zudem die beste Freundin seiner Mutter war.
„Achtzehn bin ich! Jedenfalls fast.“ Blöde Kuh, hatte er gedacht und dabei die Augen verdreht. Was geht die das an? Wird sicher gleich zu Mama rennen und petzen. Ich frage doch auch nicht, was sie mit Klaus, dem Elektriker, hat. So oft kann das Kühlhaus gar nicht kaputt sein, wie der vor ihrem Geschäft parkt. Daniel zog genüsslich an seiner Zigarette und versuchte einen Kringel in den Abendhimmel zu hauchen. Sein Handy klingelte:
„Wo ich bin? Hab mich abgeseilt, kann die Leute gerade nicht ab, echt nicht… Du willst zu mir? Nein, ich habe nichts dagegen. Pass auf: Hinter der Bühne ist eine Plane nicht ganz verschlossen… Gefunden? Da musst du durch… Ich seh dich!“
Tatsächlich zwängte sich jemand durch den Schlitz und winkte. Es war Carina, die nun auf ihn zukam. Daniel schmunzelte über die streng nach oben gebundenen blonden Haare und die eng anliegende rote Bluse. Das betont ihren schlanken Hals, dachte er. So schön ist sie nur zu den Auftritten – so anders in ihren Bewegungen, vielleicht etwas ernsthafter. Also ist diese blöde Vereinskleidung also doch für etwas gut. Ein zweites Gesicht erschien im Schlitz, es war sein Freund Rico. Der zeigte anerkennend seinen nach oben gestreckten Daumen, verschwand jedoch gleich wieder.
Carina stand nun vor ihm und er erwischte sich dabei, wie er mit seinem Blick einen Moment zu lang in ihrem Ausschnitt verweilte, die helle Haut betrachtete mit den schwachblauen Verästelungen.
„Krieg’ ich auch eine?“
„Du rauchst? Wusste ich gar nicht.“
„Ich kann es ja mal probieren, oder?“
„Wirklich? Nachher hustest du noch in deine Querflöte und holst dir dafür ein paar Watschen vom Opa Albrecht ab.“
„Ach, dein Opa wird mich schon nicht schlagen. Ich denke sogar, dass er mich mag, irgendwie. Jedenfalls blinzelt er mir immer zu, wenn er seinen Dirigentenstab schwingt.“
„Jetzt werd ich aber gleich eifersüchtig…“
„Eifersüchtig? Warum?“
Warum, warum! Mit dieser Frage hatte Daniel nicht gerechnet und Carina bemerkte schmunzelnd, wie sich sein Gesicht färbte.
„Hast du auch Feuer?“
Er hielt ihr seine glühende Zigarette hin, Carina zog und zog, bis ihre brannte.
„Hast schon Recht“, brummte Daniel, „Opa ist echt in Ordnung und der beste Kapellmeister, den der Verein je hatte. Er ist auch der einzige Grund, warum ich noch dabei bin. Und ich hasse es, wenn mein Vater mit seiner moralischen Keule kommt. Der immer mit seinem: ‚Wir sind die Albrechts-Musikanten, da kannst du nicht einfach fehlen!’“
„Du willst den Verein schmeißen? Was ist denn los?“
„Was los ist? Gefällt dir denn etwa, was wir hier spielen? Erst drei Lieder, 15 Minuten Pause, dann wieder drei Lieder, und so weiter, und so weiter. Und immer den gleichen Mist in der gleichen Reihenfolge. Nein, stimmt nicht“, korrigierte Daniel sich mit sarkastischem Ton, „zum Zwetschgen-Fest im letzten Jahr gab es die Posaunenpolka als Ouvertüre. Am Schlimmsten ist es immer bei Rosamunde, da könnte ich kotzen…“
„Ja stimmt!“, lachte Carina in den Wutausbruch hinein und legte dabei für einen Moment wie zur Bestätigung ihre Hand auf seine Schulter. „Das Lied ist so was von ätzend, einfach nur abartig schlecht.“
Das glucksende Gekicher irritierte Daniel und beruhigte ihn zugleich. Die Hand jedoch wirkte wie ein Stromschlag, als ob irgendein Zauberstab ihn getroffen hätte. Eine Weile rauchten sie schweigend vor sich hin, Daniel zog den Rauch tief in seine Lunge, Carina paffte.
„Kennst du Green Day?“, wollte Daniel jetzt wissen.
„Du meinst die Punkband? Klar!“
„Vor zwei Monaten war ich auf ihrem Konzert, bin extra nach London rüber, das war krass, sage ich dir.“
„Echt? Das ist ja cool… Wie bist du denn dahin gekommen?“
„Getrampt, ging super! – und seitdem ist klar, ich muss da raus, bei meinen Alten. Verstehst du? Ist mir einfach zu eng…“
Carina nickte still und etwas traurig.
„Jedenfalls, was ich dir erzählen wollte: Der Schlagzeuger hat ein wahnsinniges Solo hingelegt, das glaubst du gar nicht. Total abgefahren, sage ich dir, echt irre! Später habe ich das Solo im Internet entdeckt und nachgetrommelt. Ich glaub, ich kann das jetzt!“
„Wirklich, Daniel? So gut bist du inzwischen? Spielst du es mir vor? Ach bitte …!“
Mittlerweile saßen sie auf einem Palettenstapel. Wieder erwischte er sich, wie er seitlich in ihren Ausschnitt schielte, und diesmal entdeckte er mehr, als er erwartete. Niedlich, dachte er und spürte zugleich eine aufkommende hitzige Erregung.
„Gib mir einen Kuss, und ich tu’s!“
Carina sah ihn erstaunt an. Nein, nicht erschrocken, eher so, als ob sie darauf gewartet hätte, nur nicht, dass es ausgerechnet jetzt passiert.
„Du willst was tun?“
„Ich spiele das Solo!“
„Juchu!“, freute sich Carina und fragte sogleich: „Wann?
„Keine Ahnung. Jetzt?“
„Jetzt? Bist du verrückt?“
„Verrückt? Ja, verdammt! In der nächsten Pause leg ich los! Du wirst sehen, den Omas fällt ihr Gebiss ins Glas!“
„Jetzt spinnst du total, oder? Du kannst doch nicht einfach zwischen Bratwurst und Bier…“
„Wenn du mich küsst, kann ich alles!“
Wenig später saß der Musikverein wieder auf der Bühne, einzelne Musiker stimmten ihre Instrumente, andere blätterten gelassen in den Noten. Daniel saß hinter seinem Schlagzeug, schraubte sein Doppelpedal vor die Bassdrums und rückte die Becken zurecht. Zwischendurch versuchte er immer wieder Carinas Blick zu erhaschen, doch sie schien in ein heftiges Gespräch mit ihrem Flötennachbarn geraten zu sein. Auch Daniels Vater hatte am Xylophon Platz genommen.
„Wo warst du, Junge?“, rief er mit gerunzelter Stirn. „Ich wollte dir ein Bier ausgeben!“
„Schon o.k.“, winkte Daniel ab und brachte für ein paar Probeschläge die große Trommel zum Klingen. Carina schaute noch immer nicht zu ihm. Das Festzelt füllte sich, laute Gespräche wurden von noch lauteren überlagert, keiner schien Notiz vom Kapellmeister Albrecht zu nehmen, der jetzt seinen Taktstock erhob. Hang down your head, Tom Dooley spielten sie, eine leichte Übung für Daniel. Immerhin gefiel ihm das alte amerikanische Volkslied und er lächelte von seinem erhöhten Platz versonnen ins Publikum. Um die Bühne herum saßen auf Bierbänken einzelne Gruppen: Rechts der Fußball-, in der Mitte der Schützenverein und links die Kleintierzüchter. Zwischen den Gruppen eingesprenkelt vertilgten einige alte Frauen den selbstgebackenen Kuchen, dort trank eine Gruppe Neigeschmeckter aus der Reihenhaussiedlung auf gute Nachbarschaft. Einzelne Pärchen schienen aus anderen Dörfern gekommen zu sein, oder es waren Urlauber, jedenfalls kannte Daniel sie nicht.
Im Eingang des Festzeltes erschien ein junger schlanker Mann mit kantigem Indianergesicht. Er trug einen Rucksack, setzte ihn auf einem leeren Tisch ab und schlenderte seelenruhig zur Bühne. Seine langen schwarzen Haare streifte er hinter die Ohren, verschränkte die Arme vor der Brust und blieb etwas breitbeinig vor der Bühne stehen. Was ist denn das für einer, fragte sich Daniel und bemerkte zugleich, wie das Indianergesicht aufmerksam die Querflöten beobachtete. Carina spielte konzentriert das Lied zu Ende, setzte die Flöte ab und blätterte in den Noten. Halblaut rief der Fremde ihren Namen. Carina schaute auf, lächelte überrascht und winkte ihm kurz zu.
„Na Klasse“, murrte Daniel. „Und warum schaust du nicht zu mir?“
Schon erhob der Kapellmeister den Taktstock, das zweite Lied erklang - diesmal eins aus der West Side Story. Daniel beobachtete, wie der Fremde zurück zu seinem Rucksack ging, aus einer Seitentasche Geld hervor kramte und sich geduldig an der Bon-Kasse anstellte. Der alte Merkel, den sie im Dorf wegen seiner schrundigen Knollennase nur Knolli riefen, torkelte an der Schlange vorbei, verlor für einen Augenblick das Gleichgewicht. Der Indianer reagierte reflexartig, fing ihn auf und brachte ihn zu einer leeren Bank.
Vor einer halben Stunde noch hätte Daniel das alles nicht interessiert. Es wäre ihm egal gewesen, wer da mit wem etwas zu tun oder eben nicht zu tun gehabt hätte. Und erst recht wäre er nicht auf die Idee gekommen, auf einen Fremden aufzupassen, warum auch? Bis eben hatte er nur eines gewollt, so schnell wie möglich weg hier, weg aus dieser für ihn peinlichen Veranstaltung, weg aus diesem Dorf. Und es wäre ihm egal gewesen, ob ihn hier jemand vermissen würde – er wollte trommeln, wollte berühmt werden wie Tré Cool. Doch plötzlich war alles anders: Daniel spürte noch, wie Carinas Hände sein Gesicht hielten – einfach so. Dieses sanfte Streicheln – und fast im gleichen Moment dieser keusche Kuss, weich und voll waren ihre Lippen. Dann dieses Prickeln, als er für ein Sekundenjahr ihre Zunge spürte. Jetzt trommelte er im Rhythmus des Liedes, trommelte sich Carinas Haarduft herbei und schwebte auf ihm davon.
Sein Blick fiel erneut auf den Indianer. Wieder stand dieser vor der Bühne, diesmal mit einem Bierglas in der Hand. Und Carina? Oh Mann, was haben die nur miteinander? Wieso glotzt sie immer zu diesem Typen?! Endlich! Der Taktstock sank, Carina schaute mit einem vielsagenden Lächeln zum Schlagzeug herauf.
In der kurzen Pause zum dritten Lied schlich er zur Posaunenfront.
„Rico!“, flüsterte Daniel leise und stand dabei dicht hinter ihm. „Kennst du diesen Typen da vor der Bühne?“
„Der mit den langen Haaren?“
„Genau den! Was ist denn das für einer?“
„Warte, warte. Irgendwoher kenne ich den…“
„Beeil dich, Opa Albrecht sucht schon nach mir!“
„Ja, jetzt hab ich’s! Den hab ich mal mit Carina am Waldrand gesehen.“
„Mit Carina?“
„Klar, das war letzten Sommer. Ich war mit meiner Karre im Wald rumcrossen. Da habe ich sie gesehen, lagen auf einer Decke und haben sich aus irgendeinem Buch vorgelesen, keine Ahnung…“
„Sicher?“
„Ja Mann, warum? Läuft was zwischen Euch?“
„Blödmann!“
„Hey!“, rief Rico ihm hinterher. „Das ist ihr Cousin, soviel ich weiß…“
Der Taktstock hob sich, wartete jedoch auffordernd, bis Daniel wieder an seinem Schlagzeug saß, dann kam der Einsatz zum dritten Lied - dem Schneewalzer. Vor der Bühne eröffneten zwei ältere Pärchen den Tanz, Opa Albrecht registrierte das mit einem zufriedenen Lächeln. In Daniel brodelte indes der Dreivierteltakt: Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei… Was für ein Fuck! Ausgerechnet den Schneewalzer spielen wir vor meinem Solo, größer kann der Kontrast nicht sein. Echt kaum zu ertragen… Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei… Aber das Solo spiel ich. Auf jeden Fall. Nur für Carina, bezahlt hat sie ja anständig, oder? Mensch, Mensch, Mensch! Verknallt bin ich, nichts weiter! Das hätte mir mal einer vorher sagen sollen, und ausgerechnet in sie! Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei…
Der Kapellmeister verbeugte sich artig, legte den Taktstock ab und schaute auf die Uhr. 15 Minuten. Die Musiker strömten von der Bühne, Vater Albrecht winkte und wollte nun endlich ein Bier ausgeben, doch Daniel blieb einfach sitzen und rührte sich nicht. Der Indianer und Carina umarmten sich bei ihrer Begrüßung. Daniel sah es und es machte ihn wütend. Der erste Schlag der großen Trommel ertönte. Versehentlich hätte man meinen können, doch wer die folgenden Schläge beachtete, der spürte bald: Hier baut sich etwas auf! Carina löste sich aus der Umarmung, erklärte dem Fremden etwas und deutete auf Daniel. Ein Wirbel über Trommeln und Becken füllte den Raum, gefolgt von einem satten Doppelbassdrumspiel. Verwundert drehten sich einige Musiker auf ihrem Weg zum Bierstand um, Knolli grölte etwas Unverständliches, der Indianer nickte anerkennend. Daniel trommelte weiter, konzentriert und mit seitlich halb gesenktem Blick. Zunächst klang alles wie eine chaotische Aneianderreihung verschiedener Rhythmusfiguren, doch bald schon war es, als könne man in seinem Spiel eine innere Uhr ticken hören. Die ersten Festbesucher blieben vor der Bühne stehen, die jungen mit verzücktem Gesicht und zum Rhythmus wippend, die älteren kopfschüttelnd und mit gerunzelter Stirn. In den kraftvollen Schlägen hörte man Daniels Wut, dann wieder veränderte sich die Klangfarbe, wurde sentimental und zärtlich. Inzwischen tummelten sich immer mehr Begeisterte vor der Bühne. Und dann plötzlich eine lange Pause, sein Publikum jubelte und klatschte. Doch einem schien das gar nicht zu gefallen. Mit fuchtelnden Armen schob sich Daniels Vater durch das Gewühl und schrie: „Aufhören! Sofort aufhören!“ Davon angespornt trommelte Daniel weiter, dann wieder Pause, diese jedoch geraffter. Abermals wurde der Schlagzeuger mit Beifall belohnt, einige anerkennende Pfiffe waren zu hören. Daniels Vater schrie erneut, drohte mit der flachen Hand. Doch Daniel beachtete ihn nicht. So ging es weiter und weiter, immer mit noch kürzeren Pausen. Daniel wusste wie er das Zelt anheizen konnte, hatte es hundertfach im Video studiert. Am Ende trommelte er wie besessen und gleichzeitig tobten seine neuen Fans. Er hatte es geschafft! Ernst und zugleich erleichtert trat Daniel hinter dem Schlagzeug hervor und verneigte sich. Was für ein Gefühl! Sein Vater stand direkt vor der Bühne packte ihn plötzlich an den Beinen und versuchte ihn herunter zu ziehen.
„Das ist eine Frechheit, was du dir hier erlaubst! Mich so zu blamieren, und das vor allen Leuten! Du kommst sofort mit!“, brüllte er mit hochrotem Kopf.
„Lass mich los!“
„Das könnte dir so passen. Erst hier den großen Max markieren und dann kneifen, wenn es ungemütlich wird!“
„Voll peinlich, was du hier abziehst! Lass mich endlich los, du spinnst doch!“
„So? Frech wirst du auch noch? Na warte, Bürschlein, so haben wir nicht gewettet!“
Es hatte sich ein Halbkreis um die Kämpfenden gebildet. Carina stand etwas entfernt und biss sich vor Angst in die Hand. Einige riefen: „Lasst doch den Blödsinn!“ Doch der Vater zerrte mit aller Kraft weiter an Daniels Hose, der saß inzwischen auf der Bühne und versuchte sich freizustrampeln. Als das nicht gelang, beugte sich Daniel vor und schlug zu, mit aller Kraft. Noch einmal und noch einmal. Der Vater taumelte zurück und stürzte zu Boden. Schnaubend richtete sich Daniel auf, lief , ohne sich noch einmal umzudrehen, zurück zu seinem Schlagzeug und sprang mit einem Satz hinter die Bühne. Weg hier, nur weg, rief es in ihm.
Lautlos kroch Daniel durch den Schlitz hinter das Zelt, ließ sich rücklings auf die Wiese fallen und weinte. Was hatte er nur getan? Seine Hand schmerzte, doch das war nichts gegen den Schmerz, der aus seiner Brust aufstieg. Dicke Tränen rannen ihm jetzt über das heiße Gesicht. Plötzlich hörte er Schritte. Carina schob sich durch den Schlitz. Als sie ihn entdeckte, legte sie sich neben Daniel, ohne ein Wort. Eine Weile schwiegen sie in den sternklaren Himmel, dann fasste Carina seine Hand und flüsterte gegen den Festzeltlärm: „Das mit deinem Vater tut mir leid!“
Er nickte, wischte sich die Tränen ab und fragte: „Kommst du mit? Ich hau hier ab.“
„Wohin willst du?“
„Weiß ich selbst noch nicht, auf alle Fälle erst mal weg hier.“
Hinten am Palettenstapel war jemand; ein leises Keuchen und Stöhnen drang zu ihnen. Sie standen auf und schlichen sich langsam näher. „Da treiben es welche miteinander“, zischte er.
„Lass sie doch!“
Doch Daniel fingerte sein Feuerzeug aus der Tasche. Damit leuchtete er in die Richtung und erkannte schemenhaft die dicke Magda. Der Mann hinter ihr muss demnach der Elektriker Klaus sein, kombinierte Daniel. Und richtig, das finstere Fluchen gehörte zu Klaus, wie das Brummen zu einem Bär. Eilig zog sich der Mann die Hosen hoch und hastete davon.
„Stören wir?“, fragte Daniel, nun schon wieder grinsend und genoss dabei seinen kleinen Triumph.
„Ob ihr stört? Wie kommst du denn darauf, Jungchen?“, lachte Magda bitter. Noch immer etwas außer Atem, legte sie ihren wulstigen Finger auf den Mund – Daniel nickte verschmitzt – dann räumte auch sie das Feld.
Die Kapelle hatte längst wieder zu spielen begonnen. Doch ohne Schlagzeug klang die Musik hohl. Eine Weile standen Daniel und Carina nebeneinander und lauschten still.
„Hab dich noch nie so trommeln hören. Du bist echt Klasse.“
„So?“
„Ja, das hört man doch! Sagt Moritz übrigens auch…“
„Dein Cousin…?“ Er spürte, wie sein Herz bis zum Hals hoch schlug und irgendetwas wollte ihm die Kehle zuschnüren.
„Du kennst ihn? Davon hat er mir gar nichts erzählt!?“
Daniel umfasste jetzt Carina mit der einen Hand und zog sie an sich.
„Darf ich dich küssen?“, fragte er mit zitternder Stimme und strich ihr dabei mit der anderen Hand durchs Haar.
„Ich denke du willst hier weg?“, wich sie ihm aus. Sie wand sich geschickt aus seiner Umarmung und stellte sich hinter ihn. „Na los! Um an einen anderen Ort zu kommen, musst du dich bewegen!“ Damit schob sie Daniel vor sich her, vom Palettenstapel über die kleine Wiese, hin zum Schlitz in der Zeltwand.
Plötzlich blieb Daniel wie angewurzelt stehen und raunzte: „Noch mal gehe ich da nicht rein. Nie im Leben!“
„Sondern?“
Er lief zum Absperrzaun und schwang sich hinauf.
„Komm!“
„Du bist verrückt!“, rief sie zum zweiten Mal an diesem Abend. Doch dann versuchte sie doch sich am Gitter hochzuziehen.
„Ja, verdammt, das bin ich!“, grinste er und half Carina herauf, bis sie neben ihm saß.
„Und was ist jetzt mit deinem Cousin?“
„Der findet den Weg auch ohne mich. Du ja nicht, oder?“
Statt einer Antwort fasste Daniel ihre Hand und gemeinsam sprangen sie in die junge Nacht.
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